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Aus Scherben wird ein Ganzes

Stella Schuster

Es begann jedes Jahr zur gleichen Zeit. Wenn die Sonne immer öfter hinter den Glasscheiben zu sehen war. Die Menschen nannten diese Zeit Sommer. Ich konnte mich noch gut daran erinnern, als ich meinen ersten Sommer erlebt hatte. Ich freute mich sehr darauf. Meine Familie wollte in den Urlaub fahren – Spanien hieß es dort. Doch, dass sie mich nicht mitnehmen würden, hätte ich nie gedacht. Mein Herz hüpfte vor Freude, als sie mich in ihr Auto steigen ließen und ich erschöpft von der Aufregung einschlief, aber als ich neben einer alten Glasfabrik wieder aufwachte, zerbrach es in tausend Scherben. Ich verstand nicht, was ich falsch gemacht hatte. Warum sie mich einfach zurückgelassen hatten. Ich irrte tagelang umher, trat mir Splitter in die Pfoten und verletzte mich immer wieder an Scherben. Irgendwann entdeckte mich ein Arbeiter und brachte mich an einen Ort aus Gittern und Glas, Tierheim genannt. Von da an wartete ich jeden Tag, dass jemand mich und die Liebe, die ich zu geben hatte, sieht. Doch ich war nicht allein. Viele andere warteten genauso wie ich. Und jedes Jahr kamen mehr dazu - meistens im Sommer. 

Mein Käfig stand direkt am Fenster. Durch die Glasscheibe konnte ich die Welt draußen beobachten. Die meisten Menschen die vorbeigingen, blickten in ihre Handys. Aber die Wenigen, die mich entdeckten, sahen nur die Narben in meinem Fell, die ich von den Scherben bekommen hatte und drehten sich weg. Mein gebrochenes Herz interessierte niemanden. Meine Welt bestand nur aus dieser Glasscheibe, durch die ich eine Welt beobachten konnte, in der mich keiner haben wollte. Ich dachte, die Welt hinter Glas würde mein Zuhause bleiben. Bis zu diesem einen Tag. Ich wachte auf, mein Futternapf war schon gefüllt. Nachdem ich den Napf geleert hatte, setzte ich mich hinter die Glasscheibe des Fensters und begann wieder die Leute zu beobachten, wie jeden Tag. Doch dann hörte ich, wie jemand an der Tür läutete. Das kam nur selten vor, denn die Mitarbeiter hatten alle einen Schlüssel. Also konnte es nur ein Mensch sein, der ein Tier adoptieren würde. „Mach dir keine Hoffnungen“, dachte ich, „dich möchte niemand haben.“ Aber neugierig war ich trotzdem. Ich spähte durch die Gitterstäbe durch und erblickte ein Mädchen mit ihren Eltern. Ich sah zu, wie einer meiner Tierpfleger auf sie zukam und sie begrüßte. Danach zeigte er der Familie die anderen Hunde. Ich sah, wie sie bei den süßen Welpen stehen blieben. Schon jetzt wusste ich, dass ich auch diesmal keine Chance haben würde. Mein Glas war halb leer. Ich widmete mich wieder meinem Fenster und beobachtete die Welt hinter dem Glas - ich nannte sie oft meine „gläserne Welt“. Plötzlich spürte ich, dass jemand direkt vor meinem Käfig stand. Ich drehte mich um und sah das Mädchen von vorhin. Unsere Blicke trafen sich und ich spürte sofort eine besondere Verbindung. „Wir werden beste Freunde“, sagte das Mädchen liebevoll. Der Tierpfleger öffnete die Tür zu meinem Käfig. Sogleich schloss mich das Mädchen in die Arme und ich spürte zum ersten Mal wie sich Liebe anfühlt. Dieses Gefühl hatte ich bei meiner ersten Familie nie gehabt. Am nächsten Tag war es dann soweit. Ich durfte das Tierheim verlassen. Ich blickte noch ein letztes Mal aus der Fensterscheibe und freute mich sehr darauf, mit meinem Mädchen die gläserne Welt in Wirklichkeit zu erleben. Mein neues Zuhause war nicht weit vom Tierheim entfernt. Ich liebte mein Mädchen und mein neues Revier. Doch wie wichtig ich für sie werden würde, erfuhr ich erst einige Tage später, in meinem ersten Hundetraining. Mein Mädchen hatte eine Krankheit, die sie körperlich einschränkte. Sie brauchte einen Assistenzhund der sie unterstützte. Sie brauchte jemanden wie mich. Mich einen Hund, den niemand haben wollte. Heute, zwei Jahre später, bin ich fertig mit meiner Ausbildung. Mein Mädchen hat ein gebrochenes Herz, ich habe eines – doch zusammen haben wir gelernt, aus Scherben wieder ein Ganzes zu machen.


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